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Narzissmus
Vom "Sündenbock" zur psychologischen Realität
Narzissmus ist heute ein Begriff, der Hochkonjunktur hat. In den sozialen Medien, in Meetings und im öffentlichen Diskurs begegnet uns der Ego-Trip fast täglich. Ein selbstverliebter Chef? Anstrengend! Die nervige Kundin? Furchtbar. Oder etwa der arrogante Mitarbeiter aus der Nachbarabteilung? Bloß weg hier! Doch wie der Psychologieprofessor Mitja Back einmal treffend gesagt hat: "Narzissmus ist der Sündenbock unserer Zeit". Er ist zu einer gesellschaftlichen Ersatzdiagnose für alles Unverdauliche im Zwischenmenschlichen mutiert. Dieser Trend hat leider auch eine wachsende Zahl an Berater:innen, Coaches und Speakern hervorgebracht, die sich als vermeintliche Expert:innen positionieren. Das ist ihr gutes Recht. Doch Sie sollten eines wissen: Der Begriff wird heute oft missbraucht – im Sinne von fehl- und übergebraucht.
Warum Expertise den Unterschied macht
In der öffentlichen Debatte verschwimmen häufig die Grenzen zwischen dem alltäglichen Bedürfnis nach Anerkennung und klinisch relevanten und behandlungsbedürftigen Persönlichkeitsstrukturen. Wenn es um Persönlichkeitsdiagnostik, Eignungsbeurteilung oder den Umgang mit komplexen Dynamiken in Organisationen geht, reicht "angelesenes Wissen" oder die persönliche Betroffenheit - und damit Erfahrungsexpertise - nicht aus. Und wer lautstark verspricht, Ihnen den Narzissten in Ihrem Leben in drei Schritten zu erklären oder zu "heilen", sollte Sie misstrauisch machen. Die wenigsten Narzissmus-Expert:innen am Markt haben eine psychologische/medizinische Grundausbildung, diagnostisch gearbeitet oder eigenständig zu Narzissmus geforscht und Fachbeiträge publiziert. Ohne ein solch fundiertes Verständnis der psychodynamischen Tiefenstrukturen riskieren Beratungsansätze, lediglich die "Schatten des Systems" zu reproduzieren, anstatt echte Wandlung zu ermöglichen.
Mein Ansatz: Evidenz statt Eminenz!
Als einer der wenigen deutschsprachigen Experten verbinde ich wissenschaftliche Forschung zu narzisstischen Persönlichkeitseigenschaften mit langjähriger Praxis im Executive Assessment und Development. Mein Ansatz: Wo Etiketten aufhören, fängt die eigentliche Arbeit an – mit empirisch abgesicherten Modellen, die narzisstische Muster messbar und steuerbar machen. Der Unterschied zwischen Bauchgefühl und Befund, zwischen Alltagspsychologie und angewandter Wissenschaft, entscheidet darüber, ob Sie belastbare Entscheidungen treffen oder auf Narrative setzen. Professionelle Beratung zu Narzissmus-Themen gehört aus meiner Sicht in die Hände ausgebildeter Fachkräfte, nicht in die von Influencer:innen mit einer guten Story. Schauen Sie daher genau hin, wem Sie Ihr Vertrauen schenken!
Was ist Narzissmus?
Ob Gesellschaft, Unternehmenswelt oder Politik: In den letzten Jahren mehren sich mediale Berichte über die geistige Verfassung einflussreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sie alle scheinen durch ihr ausgeprägtes Maß an Selbstüberschätzung, Manipulation und Verleumdung das Paradebeispiel einer narzisstischen Person zu verkörpern. Doch was ist Narzissmus überhaupt?
In seiner wissenschaftlichen Minimaldefinition wird Narzissmus mit anmaßender Selbstwichtigkeit gleichgesetzt (engl. entitled self-importance). Man hält sich demnach nicht nur für übermäßig wichtig, sondern drückt dies auch unmissverständlich aus. In der akademischen Psychologie gilt Narzissmus zunächst als eine Eigenschaft, die unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit gesunder (d. h. klinisch unauffälliger) Menschen umfasst. Diese Eigenschaft ist in der Bevölkerung genauso wie Körpergröße, Gewicht oder Intelligenz graduell verteilt. Das bedeutet, dass die meisten Menschen einen durchschnittlichen Narzissmus aufweisen, während nur wenige Menschen einen sehr niedrigen oder sehr hohen Narzissmus zeigen.
Von Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft ist Narzissmus als Persönlichkeitsstörung abzugrenzen. Diese wird als narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) bezeichnet.
Narzissmus vs. Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Was ist der Unterschied?
Die NPS ist durch ein anhaltendes Muster von Grandiosität, Bewunderung und mangelnder Empathie gekennzeichnet. Das Besondere an Personen mit einer NPS ist, dass sie bei Vorliegen bestimmter persönlicher Eigenschaften (z. B. Attraktivität, Intelligenz, sozioökonomischer Status) lange Zeit ihre Schattenseiten kompensieren und dadurch "unentdeckt" bleiben können. Das verdeutlicht einmal mehr, dass ein Mensch nie "nur narzisstisch" ist, sondern in der Gesamtheit seiner Persönlichkeit wahrgenommen werden muss.
Der wesentliche Unterschied zwischen einer NPS und Narzissmus als Eigenschaft ist folgender: In der Psychologie wird Narzissmus als Kontinuum betrachtet, auf dem Menschen sich von wenig narzisstisch bis hoch narzisstisch einordnen lassen. In der Psychopathologie hingegen werden Menschen entsprechend des Erfüllungsgrades bestimmter Diagnosekriterien als "Narzisst:in" klassifiziert (oder eben nicht). Die Grenzen zwischen normalem Narzissmus und einer NPS sind dabei fließend.
Im DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition), dem offiziellen internationalen Klassifikationssystem für psychische Störungen der US-amerikanischen Fachgesellschaft der Psychiater:innen, müssen mindestens fünf von neun Kriterien erfüllt sein, um die Diagnose einer NPS stellen zu können.
Diagnosekriterien für die NPS:
Das übertriebene, unbegründete Gefühl wichtig und talentiert zu sein (Grandiosität)
Die dauernde Beschäftigung mit Fantasien von unbegrenztem Erfolg, Einfluss, Macht, Intelligenz, Schönheit oder perfekter Liebe
Der Glaube, speziell und einzigartig zu sein und sich nur mit Menschen auf höchstem Niveau einzulassen
Der Wunsch, bedingungslos bewundert zu werden
Ein Gefühl des Anspruchs
Ausnutzung anderer, um die eigenen Ziele zu erreichen
Ein Mangel an Empathie (im Sinne von Mitgefühl)
Neid auf andere und der Glaube, dass andere einen beneiden
Überheblichkeit und Arroganz
Im ICD-11 (International Classification of Diseases, 11. Überarbeitung), dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ist die NPS hingegen nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt, sondern stellt lediglich eine spezifische Variante von Persönlichkeitsstörungen dar. Diese ist durch anhaltende Beeinträchtigungen in der Selbstfunktion (z. B. schwankender Selbstwert) und der interpersonellen Funktion gekennzeichnet (z. B. Rücksichtslosigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer).
Facetten von Narzissmus
In der Psychologie werden zwei grundlegende Dimensionen von Narzissmus unterschieden, die sich wiederum in vier darunterliegende Facetten zerlegen lassen. Narzissmus kann somit am besten als hierarchisch strukturierte Eigenschaft verstanden werden (vgl. Abbildung rechts).
Unterhalb der ersten Ebene lassen sich grandioser (großartiger oder auch offener) und vulnerabler (verletzlicher oder auch verdeckter) Narzissmus voneinander unterscheiden. Der grandiose Narzissmus spiegelt ein aufgeblasenes Selbstbild wider, das mit dem Glauben an die eigene Überlegenheit einhergeht, während sich der vulnerable Narzissmus auf eine übermäßige Sorge bezieht, von anderen verletzt zu werden, was häufig mit unrealistischen Erwartungen an andere Personen einhergeht. Auf der darunterliegenden Ebene befinden sich die vier Facetten des Narzissmus: agentisch, antagonistisch, neurotisch und kommunal.
Der agentische Narzissmus beschreibt das Bedürfnis, Bewunderung durch selbstbewusste Selbstdarstellung bzw. -vermarktung zu erfahren. Für agentische Narzisst:innen ist es besonders wichtig, in Bezug auf persönliche Leistungen, Erfolge oder Fähigkeiten als überlegen oder einzigartig wahrgenommen zu werden. Sie schreien förmlich: Seht her, was ich alles kann! Mit einem bezaubernden Lächeln verstehen sie es, Aufmerksamkeit zu erregen – ohne zwingend abwertend zu sein.
Der antagonistische Narzissmus bezieht sich hingegen auf das Bestreben, soziales Versagen durch Verteidigung des Selbst und/oder Fremdabwertung zu vermeiden. Antagonistische Narzisst:innen scannen ihre Umgebung kontinuierlich nach potenziellen Selbstwertbedrohungen ab, um im Zweifel in den Gegenangriff zu gehen. Sie sind ständig auf der Hut und nicht zimperlich, wenn es darum geht, anderen Licht ans Fahrrad zu machen.
Der neurotische Narzissmus beschreibt die Tendenz, sehr sensibel auf Zurückweisung durch andere zu reagieren und sich bei Kränkungen oder Misserfolgen in ein Schneckenhaus zurückzuziehen. Neurotische Narzisst:innen haben oft ein tiefsitzendes Gefühl von Unsicherheit und Angst vor Ablehnung, was dazu beiträgt, dass sie nach außen hin oft unsicher und in sich gekehrt wirken. Selbst kleinste Verfehlungen können als vernichtend wahrgenommen werden.
Der kommunale Narzissmus bezieht sich schließlich auf das Bedürfnis, Bewunderung durch vermeintliche Selbstaufopferung zu erfahren. Für kommunale Narzisst:innen ist es besonders wichtig, in Bezug auf Empathie, Engagement oder Hilfsbereitschaft als überlegen oder einzigartig wahrgenommen zu werden. Ähnlich wie bei den agentischen Narzisst:innen geht es ihnen jedoch insgeheim auch um Anerkennung, Macht und Status – nur eben im sozialen Bereich. So kann es sein, dass sie sich als überaus vertrauenswürdig, kooperativ und loyal sehen, auch wenn sie sich anderen gegenüber nicht unbedingt so verhalten.
Alle diese Facetten hängen eng miteinander zusammen und sind nicht als voneinander unabhängige "Typen" zu verstehen. In der Realität werden Sie nie die eine oder die andere Narzissmusfacette in ihrer Reinform erleben, sondern immer ein Konglomerat aus allen genannten, wobei durchaus eine oder mehrere besonders akzentuiert sein können. Während die agentische und kommunale Facette des Narzissmus jeweils spezifische Marker für grandiosen Narzissmus darstellen und die neurotische Facette spezifisch für den vulnerablen Narzissmus steht, ist die antagonistische Facette ein zentrales Element der Narzissmusstruktur und beiden übergeordneten Dimensionen gemeinsam.
Mythen
Es existieren zahlreichen Mythen, Vorurteile und Scheinwahrheiten rund um das Thema Narzissmus. Diese prägen nicht nur unser alltagspsychologisches Verständnis von Narzissmus, sondern sorgen auch dafür, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema oft verzerrt wird. Diese Fehlinformationen führen außerdem dazu, dass Narzissmus häufig einseitig betrachtet wird und das komplexe Zusammenspiel seiner verschiedenen Facetten und Dimensionen nicht erkannt wird. In meinem Buch beleuchte ich zehn Mythen, die in dem nachfolgenden Bilder-Karussell zusammengefasst sind.
Viel Spaß beim Blättern!